Stripes
Stripes
Archiv

Daniel Narcisse: „Air France“ landete in Kiel

Er braucht nur wenige Sekunden, um eine Kostprobe seines großen Könnens zu geben. Daniel Narcisse fängt in der eigenen Hälfte den Ball ab. Der Neuzugang des THW Kiel stürmt nach vorne, realisiert, dass er viel Platz hat, schraubt sich mit enormer Sprunggewalt in die Höhe und zieht ab. Der Ball schlägt mit enormem Tempo im gegnerischen Gehäuse ein – und jeder versteht, warum der Franzose den Spitznamen „Air France“ trägt. „Er besitzt extravagante Fähigkeiten“, schwärmt THW-Kapitän Marcus Ahlm. „Er ist ein absoluter Weltklasse-Spieler, seine Anspiele, seine Schnelligkeit und seine Explosivität sind herausragend“, ergänzt THW-Coach Alfred Gislason.
Seinen Bewegungen haftet eine besondere Leichtigkeit an. Was sich über den Transfer nicht sagen ließ. Wochenlang gab es neue Wasserstandsmeldungen. Dabei waren die Rollen von Anfang an klar verteilt. Der THW Kiel wollte seinen Rückraum weiter verstärken, der französische Vize-Meister Chambery Savoie mit einer Millionen-Ablösesumme seine finanziellen Probleme in den Griff kriegen, und Daniel Narcisse in einem europäischen Top-Team spielen. „Ich will jetzt endlich einen großen Titel mit einem Verein gewinnen“, stellte der 29-Jährige klar.

Daniel Narcisse

In der Tat findet sich in der Karriere des Handball-Stars ein signifikanter Gegensatz: Mit der Nationalmannschaft hat er in 163 Länderspielen alles gewonnen. Er wurde 2001 und 2009 mit Frankreich Weltmeister, 2006 Europameister, und 2008 – der Höhepunkt – gewann er bei den Olympischen Spielen in Peking die Goldmedaille. In Klubs stehen bislang nur eine Meisterschaft in der eher zweitklassigen französischen Liga und ein dritter Platz mit dem VfL Gummersbach zu Buche. Die Westdeutschen hatte Daniel Narcisse 2007 verlassen. Seine Frau hatte Heimweh, und Chambery lockte mit dem Aufbau eines internationalen Top-Teams. Ein Vorhaben, das auf halber Strecke scheiterte.
Daniel Narcisse spielte schon vor seiner ersten Deutschland-Mission in Chambery. In der Nähe der höchsten Alpen-Gipfel. Seine Jugend war aber von der Brandung des Meeres bestimmt. Der 1,89 Meter große Handballer wurde auf Réunion, einer Insel im Indischen Ozean, geboren. Offenbar ein fruchtbares Pflaster für Ausnahmekönner. Auch der ehemalige Welthandballer Jackson Richardson stammt von diesem Fleckchen. In Kiel hat Daniel Narcisse das Meer wieder vor der Nase. Vielleicht sind es die Wellen der Ostsee, die ihm zu Titellorbeeren in einem Vereinstrikot verhelfen.