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„Peinliche“ zweite Hälfte gegen „Luxus-Rotation“

Zunächst sah alles nach einem weiteren schillernden Europapokal-Abend in der „Hölle Nord“ aus. Das überdimensionale Trikot mit der Nummer acht wanderte wie immer gen Hallendach, die Einlauf-Zeremonie verbreitete europäisches Flair im Rund, und auch die neue Hymne der Champions League erklang. Viele sprachen von einer Vorrunden-Partie, die auch ein mögliches Finale hätte sein können. Doch nach den 60 Minuten herrschte große Ernüchterung. Nur Ciudad Real trat wie ein Titelkandidat auf, die SG Flensburg-Handewitt hingegen wurde dem Prädikat „Geheimfavorit“ nicht gerecht. „Nach dem Derby-Sieg waren wir ganz oben“, sagte ein enttäuschter Lars Christiansen. „Wir wollten auf der Euphorie-Welle reiten – und nun das.“
Dabei begann alles durchaus vielversprechend. SG-Trainer Kent-Harry Andersson nahm einige Umstellungen vor, um die Belastung in dieser schweren Phase der Saison gleichmäßig zu verteilen. Für Lars Christiansen lief diesmal Anders Eggert auf der linken Außenbahn und verwandelte in der Anfangsphase vor allem die Siebenmeter sicher. Im Tor stand nicht Derby-Sieger Dan Beutler, sondern überraschend Dane Sijan. Ein Keeper, den die Akteure der spanischen Weltauswahl zunächst nicht so richtig auf der Rechnung hatten und an dem sie mehrmals aus kurzer Distanz scheiterten. Einar Holmgeirsson mischte im rechten Rückraum mit, sodass Marcin Lijewski manche Verschnaufpause auf der Bank gegönnt war. Der Isländer war es, der mit einem Doppelschlag das 7:5 (14.) besorgte.

Ljubomir Vranjes hechtete dem Ball hinterher.

Ciudad Real antwortete „königlich elegant“ mit einer „Luxus-Rotation“ im Rückraum. Olafur Stefansson, „Chema“ Rodriguez und Alberto Entrerrios ersetzten Petar Metlicic, Uros Zorman und Siarhei Rutenka. Dennoch blieben die Flensburger mit der besseren Spielanlage am Drücker, scheiterten aber wiederholt am immer besser werden Keeper Arpad Sterbik. „Wir ließen zu viele Möglichkeiten aus, um höher in Führung zu gehen“, meinte Kent-Harry Andersson. „Arpad Sterbik hat gezeigt, welch überragender Keeper er ist.“
Den Start in den zweiten Durchgang vermasselte die SG völlig. Nichts klappte mehr. 3:13 Tore in Folge – Flensburg erlebte bittere Minuten. „So viele technische Fehler darf man sich gegen Ciudad Real nicht leisten“, haderte Kent-Harry Andersson. „Die bestrafen das sofort.“ Und Lars Christiansen fluchte: „Die zweite Halbzeit war peinlich.“. Torwart-Wechsel und weitere Variationen brachten nicht mehr als eine zarte Ergebniskosmetik.  

Die Trainer-Stimmen

Kent-Harry Andersson, SG Flensburg-Handewitt: „Es gab zwei Hauptgründe weshalb wir heute verloren haben. Zum einen haben wir gegen eine sehr gute Mannschaft gespielt. Zum anderen hatten wir eine sehr schlechte Zeit zu Beginn der zweiten Halbzeit.“
Talant Duishebaew, BM Ciudad Real: „In der zweiten Hälfte standen wir wirklich gut in der Abwehr. In Flensburg ist es nicht so einfach zu gewinnen. Nicht umsonst hat Kiel hier verloren.“

SG Flensburg-Handewitt: Holmgeirsson länger verletzt

Der Abend war verhagelt, doch zumindest gab es für einen Akteur der SG Flensburg-Handewitt eine Einladung auf einen Café. „Wenn du in Spanien bist, rufst du bei mir an“, forderte Ciudad-Real-Trainer Talant Duishebaew seinen ehemaligen Mindener Kollegen Frank von Behren auf. Die Chancen für eine Reise in die „La Mancha“ stehen für den Nationalspieler sehr gut. Nach seinem Bruch am Daumen hatte der 31-Jährige wie Blazenko Lackovic das Team-Training aufgenommen und hofft auf ein baldiges Comeback.
Gegen Ciudad Real saßen die beiden „Rekonvaleszenten“ aber noch hinter einer Bande neben dem Tor und registrierten das ernüchternde Ergebnis. „Was gegen Kiel funktionierte, klappte heute nicht“, beobachte Frank von Behren und traf damit den Tenor seiner Mannschaftskollegen. „In der zweiten Halbzeit waren wir völlig von der Rolle“, meinte Thomas Mogensen. Zu oft hatten er und seine Nebenleute unplatzierte Würfe oder Fehlpässe fabriziert. Zu oft hatten sie den Weg über die Mitte oder über den Kreis gesucht, wo Michael Knudsen in der Anfangsphase noch drei Siebenmeter herausholte, ehe Didiert Dinart alle Räume „versiegelte“.

Einar Holmgeirsson verletzte sich ernsthaft.

Sieben Minuten vor dem Abpfiff erlebte die Stimmung ihren Tiefpunkt. Einar Holmgeirsson war abseits des Spielgeschehens auf einem Schweißfleck ausgerutscht und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. „Er hatte im letzten Jahr so viel Pech“, erinnerte sich SG-Trainer Kent-Harry Andersson an einen langwierigen Bandscheibenvorfall und einem Bänderriss im Daumen. Die Befürchtungen bestätigten sich. Einar Holmgeirsson, der auf einer Trage von der Spielfläche befördert wurde, zog sich einen Riss der Adduktoren im Leistenbereich zu und fällt lange aus.
Die Verletzung schockte auch SG-Geschäftsführer Fynn Holpert („Das ist bitter, Einar hatte gezeigt, wie wichtig er sein kann“), der gerade mit Sport-Direktor Anders Dahl-Nielsen die Zukunft des Vereins plant. Die Verträge von Lars Christiansen, Frank von Behren, Ljubomir Vranjes, Sören Stryger, Johnny Jensen, Torge Johannsen, Anders Eggert, Michael Knudsen sowie Trainer Kent-Harry Andersson und Co-Trainer Jan Paulsen laufen aus. Weder Verlängerung noch Vertragsende sind bislang bekannt geworden. Nur diverse Gerüchte gedeihen: So liebäugelt „Dauerbrenner“ Lars Christiansen („Ich fühle mich noch immer fit“) mit einer Fortsetzung seiner Karriere, und mit Torge Johannsen und Ljubomir Vranjes sind Gespräche seitens der Vereinsführung bestätigt.

Kampf um den Ball.

Recht weit fortgeschritten scheinen die Verhandlungen mit Michael Knudsen. Der Kreisläufer wollte ursprünglich 2008 in seine dänische Heimat zurückkehren. Mit Viborg HK besteht bis 2010 ein zweijähriges Vertragsverhältnis. In einem Interview mit dem dänischen Sender „TV 2 Sporten“ sagte Michael Knudsen: „Die SG hat mir angeboten, die Sache mit Viborg irgendwie zu klären.“ Der 29-jährige lobte das „bessere Klima“ unter der neuen Vereinsführung und schwärmte zuletzt häufiger über den „besten Zusammenhalt in der Mannschaft in meinen drei Jahren in Flensburg“. Kurzum: Es scheint zwischen Flensborg und Viborg um die Ablösesumme zu gehen.
Und für die finanzielle Ausstattung – auch wenn die SG offiziell eine weiterführende Champions-League-Teilnahme nicht im Etat einkalkuliert hat – wäre die Qualifikation für die zweite Gruppenphase der Königsklasse förderlich. Platz zwei hinter Ciudad Real muss her. „Am Samstag in Drammen sind wir gefordert“, weiß Lars Christiansen, was die Stunde geschlagen hat. „Bei einer zweiten Niederlage würden wir in der Champions League mächtig unter Druck stehen.“ 

BM Ciudad Real: Späte Anreise, bleibender Eindruck

Vorrunde in der Champions League – eine Phase, die für den spanischen Meister Ciudad Real noch nicht ausreichend Brisanz für eine ausgedehnte Reise besitzt. Erst am Abend vor dem Spiel trafen die Handballer aus der „Quijote-Arena“ am Rande von Flensburg ein und stiegen im „Historischen Krug“ in Oeversee ab. Historisch war auch das Ergebnis. 26:34 – so hatte die SG Flensburg-Handewitt auf internationalem Parkett noch nie verloren. Zudem kassierten die Hausherren nach 34 Pflichtspielen ohne Niederlage wieder eine Pleite vor heimischer Kulisse. Der letzter fremde Sieger: ebenfalls Ciudad Real am 1. April 2006.

Talant Duishebaew war zufrieden.

„Wir hatten mit einer schweren Aufgabe gerechnet“, zeigte sich Torwart Javier Hombrados überrascht über die Höhe des Resultats. „Während wir unser Niveau halten konnten, ließ Flensburg im zweiten Durchgang stark nach.“ Oder war es genau umgekehrt? Waren die Spanier einfach die abgezocktere Mannschaft von zwei Teams, die sich Chancen auf die europäische Krone ausrechnen? „Man hatte das Gefühl“, sagte Frank von Behren, „dass Ciudad Real in der ersten Halbzeit die Situation abtastete, um dann eine Schippe draufzulegen.“ Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.
Auf jeden Fall war Talant Duishebaew nach dem deutlichen Sieg seiner Truppe erleichtert. Schließlich war die „Millionen-Truppe“ nicht ganz ohne Sorgen an die dänische Grenze gekommen. Nach dem am Knie operierten Rolando Urios plagte sich auch der zweite Kreisläufer mit einer Blessur herum. Der dänische Neuzugang Torsten Laen hatte beim Liga-Spiel in Teucro eine Bänderdehnung am Wurfarm erlitten. Vorsorglich hatte Talant Duishebaew 15 Akteure ins Kalkül gezogen, strich dann kurzfristig ausgerechnet Rechtsaußen Christian Hjermind, der von 1996 bis 2001 in Flensburg gespielt hatte, aus dem Aufgebot.
Freudensprünge inszenierten die Gäste nach dem Schlusspfiff nicht. Ein gesicherter, erster Platz in der Gruppe G war für sie noch kein Thema. „Für eine solche Aussage ist es noch zu früh“, wiegelte Siarhei Rutenka, der phasenweise für Torsten Laen am Kreis auftauchte, ab. „Es ist ja erst ein Spiel absolviert.“ Und Talent Duishebaew warnte: „Mit Lackovic, Stryger und von Behren fehlten den Flensburgern drei Leistungsträger. Das kann im November ganz anders aussehen.“