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"Traumhafte" SG nach Pausen-Donnerwetter

Pfiffe zur Pause, stehende Ovationen in den letzten 90 Sekunden - die SG Flensburg-Handewitt hat beim 38:22 (14:12) über Schlusslicht TuSEM wieder einmal zwei Gesichter gezeigt.
Die Warnung war deutlich. "So eine erste Halbzeit möchten wir nicht noch einmal sehen", meinte Sportdirektor Anders Dahl-Nielsen. Im bislang wohl schlechtesten ersten Durchgang der laufenden Saison in der Handball-Bundesliga hatte die SG Flensburg-Handewitt in den letzten acht Minuten bis zum Pausenpfiff gegen Schlusslicht TuSEM Essen eine komfortable 12:7-Führung leichtsinnig verspielt und war mit einem mageren Zwei-Tore-Polster (14:12) in die Pause gegangen. Nach 60 Minuten stand unter dem Strich zwar ein deutliches 38:22, doch das konnte beim Sportdirektor die indiskutablen ersten 30 Minuten nicht überdecken. "So darf man sich nicht präsentieren, das war grausam", machte Dahl-Nielsen deutlich. "Zwischen zwei Champions League-Spielen darf man keinen überragenden Handball erwarten, aber man darf erheblich mehr erwarten, als wir in der ersten Halbzeit gezeigt haben", unterstrich Trainer Kent-Harry Andersson. "Wir haben respektlos gespielt."
Und so erlebten die SG-Spieler in der Kabine ihren Trainer, wie sie ihn in seiner Amtszeit seit 2003 nur sehr, sehr selten erlebt hatten. "Kent-Harry ist richtig laut geworden", berichtete Mannschaftskapitän Ljubomir Vranjes. Der SG-Coach erklärte auch warum: "Neun technische Fehler in so kurzer Zeit sind peinlich, und wenn man in Unterzahl auch noch Gegenstöße läuft, macht mich das böse."

Kasper Nielsen im Anflug.

Bei seinem Pausen-Donnerwetter hatte der Schwede offenbar den richtigen Ton getroffen. Denn im zweiten Abschnitt spielten die Flensburger wie ausgewechselt. "Das war traumhaft", lobte Dahl-Nielsen. Die Abwehr packte endlich zu, und vorne machte der Rückraum  mit Mogensen als Regisseur viel Druck. Das zeigte schnell Wirkung. Nach 41 Minuten hatten sich die Gastgeber eine deutliche 24:17-Führung erspielt, und nach 52 Minuten lag die Heimmannschaft erstmals mit zehn Toren vorn. Essen gab auf und holte sich noch eine richtige Klatsche ab, "mit der nach dieser ersten Hälfte eigentlich nicht zu rechnen war", wie SG-Linksaußen Lars Christiansen bemerkte.
Der Europameister, der in den ersten 30 Minuten das Spiel von der Bank aus hatte verfolgen dürfen, hatte auch eine Erklärung für das schauerliche Treiben seiner SG auf dem Spielfeld. "Wenn Du sonntags in der Champions League gegen den HSV spielst und schon am Wochenende bei Portland San Antonio wieder ran musst, fällt es schwer, gegen einen Gegner wie Essen die richtige Motivation und Konzentration zu finden." Das sei bestimmt keine Absicht, es passiere einfach. "Es ist alles eine Frage der Fokussierung." Den Flensburgern war offensichtlich im ersten Spielabschnitt nicht gelungen, ihren Fokus auf Essen zu richten.
Mit ganz wenigen Ausnahmen. Zu denen gehörte neben Torhüter Dan Beutler vor allem Jacob Heinl. Der 21-jährige Youngster stand erneut im Deckungszentrum seinen Mann, da Johnny Jensen und Michael Knudsen verletzt fehlten. "Jacob hat ein richtig gutes Spiel gemacht", lobte Trainer Andersson die Nachwuchshoffnung aus dem Junior-Team. "Jacob kann in der Abwehr das Spiel des Gegners lesen", meinte Vranjes anerkennend. "Aber im Angriff muss er noch viel lernen."
Und was nahmen die SG-Spieler sonst noch aus diesem Spiel für den Auftritt am Sonnabend in Pamplona mit? "Wenn wir dort so eine Halbzeit spielen wie gegen Essen, dann sind wir zur Pause mit zehn Toren unten", meinte Vranjes.