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Der siebte SG-Streich: Kiel hadert mit den "Schiris"

Im Norden nichts Neues - auch den siebten Vergleich in Folge gegen den THW Kiel entschied die SG Flensburg-Handewitt für sich. 25:21 (12:12) gewann der deutsche Handball-Meister und Pokalsieger gegen die "Zebras".
Jan Holpert ballte die Fäuste und schrie seine ganze Anspannung heraus. Gerade hatte der Torhüter der SG Flensburg-Handewitt einen Wurf des völlig freistehenden Frode Hagen abgewehrt. Holperts Parade beim 23:21 war der Matchball im 44. Landesderby gegen den THW Kiel. 63 Sekunden waren noch zu spielen. Mit zwei Toren zum 25:21 machte Joachim Boldsen alles klar. Und Geschäftsführer Thorsten Storm meinte eine gute halbe Stunde später am Handy zu seinem Gesprächspartner: "The same procedure as every year, Stefan. Das ist heute gut gelaufen."
Das war es in der Tat, auch wenn Storm etwas übertrieben hatte. "Dieselbe Prozedur wie in den letzten zwei Jahren", hätte er richtigerweise sagen müssen. Seit der Saison 2002/2003 hat die SG nämlich kein Spiel mehr gegen den großen Rivalen aus der Landeshauptstadt verloren. Am Sonnabend vor über 6000 begeisterten Zuschauern in der Campushalle feierte der deutsche Meister und Pokalsieger den siebten Sieg in Serie. Und SG-Trainer Kent-Harry Andersson frohlockte: "Die Abwehr und Holpi haben heute das Spiel entschieden."
Die Spieler und ihre Anhänger führten nach dem Schlusspfiff Jubeltänze auf. Die geschlagenen Kieler dagegen versuchten, so schnell wie möglich den Ort der Niederlage zu verlassen. Ihnen war bewusst, dass sie eine große Chance verpasst hatten, nach dem 31:26 in Lemgo einen weiteren big point in der jungen Bundesliga-Saison zu landen. Denn die SG war angeschlagen: Lars Krogh Jeppesen, der überragende Spieler der vergangenen Saison, nach Spanien abgewandert, sein Nachfolger Blazenko Lackovic wegen einer Reizung im Knie noch nicht  eingespielt, Marcin Lijewski nach einer Knie-Operation ohne Wettkampfpraxis und Christian Berge mit einem Bänderriss im linken Knöchel gar nur auf der Bank. Beste Voraussetzungen also, nach dem 26. April 2002 (26:24) die Campushalle wieder einmal zu stürmen. Doch der THW hatte es nicht geschafft, das wurmte vor allem Trainer "Noka" Serdarusic. "Ich weiß, dass ich ein schlechter Verlierer bin. Aber die Hinausstellungen gegen meine Mannschaft passten mir nicht. Sie haben nicht unerheblich zu diesem Ergebnis beigetragen. Ich hatte den Eindruck, dass meine Spieler heute erheblich schneller vom Platz flogen als die Flensburger", meckerte der 54-jährige Kroate in Richtung der Unparteiischen Fleisch/Rieber.

Small-Talk in der Pause: Henning Fritz (r.) und Jan Holpert.

Doch was sollen die Schiedsrichter machen, wenn ein Stefan Lövgren einen Sören Stryger beim Gegenstoß mit einem Schulter-Check fast in die Bande befördert, Martin Boquist einem Glenn Solberg im Sprung noch einen Schubser verpasst oder Christian Zeitz einem Joachim Boldsen mit der Hand ins Gesicht fährt? "Die Hinausstellungen waren in Ordnung, auch die gegen uns", befand SG-Trainer Kent-Harry Andersson.
Die vier Zeitstrafen gegen die  Kieler zwischen der 40. und 57. Minute hatten mit dazu beigetragen, dass sich die Flensburger von 16:16 auf 23:20 hatten absetzen können. Doch die Niederlage allein daran festzumachen, wäre ein bisschen zu einfach. Der Schwachpunkt im Kieler Spiel war an diesem Nachmittag der linke  Rückraum. Gerade einmal zwei Treffer brachten Frode Hagen und Martin Boquist gegen den überragenden Jan Holpert (19 Paraden, darunter zwei Siebenmeter gegen  Pettersson und Lundström) zu Stande. Und auch Stefan Lövgren  blieb mit zwei Toren weit unter seiner normalen Quote. Alle drei hatten zu wenig Eigeninitiative gezeigt, stattdessen immer wieder versucht,  Markus Ahlm am Kreis in Szene zu setzen. "Wenn man immer nur Markus am Kreis sucht, kann man so ein Spiel nicht gewinnen", kritisierte Serdarusic. "Schon zur Pause hätten wir mit drei oder vier Toren  führen müssen, und selbst beim 23:21 war das Spiel noch offen."
"Es war die ganze Zeit eng", gab SG-Kapitän Sören Stryger zu. "Wir haben in der Schlussphase zu viele leichte Fehler gemacht, sonst wäre das Spiel schon früher entschieden gewesen." Die Flüchtigkeitsfehler in einigen Überzahlsituationen nahm der Trainer seinen Spielern aber nicht weiter übel. Kent-Harry Andersson war einfach nur glücklich. "Wir waren schnell zurück in der Abwehr und haben dadurch die leichten Tore für Kiel verhindert. Und dann haben Johnny Jensen und Glenn Solberg in der Abwehr gegen Markus Ahlm und Stefan Lövgren einfach super gespielt. Sie hatten Lövgren im Griff." Das Abwehrzentrum war auch für Thorsten Storm einer der entscheidenden Faktoren in diesem Derby: "Johnny und Glenn haben ihre Aufgabe hervorragend gelöst und waren zusammen mit Jan Holpert die Matchwinner."
Doch auch im Angriff gab es einen, der wesentlichen Anteil am SG-Erfolg hatte: Joachim Boldsen. Der "Traktor" fuhr immer durch die Kieler Abwehr und ließ auch Nationaltorhüter Henning Fritz keine Chance. Acht Tore bei neun Versuchen standen schließlich unter dem Strich. "Das ist eine Wahnsinnsquote", meinte Andersson anerkennend.
Und der Schwede hatte noch einen weiteren Grund zur Freude. Blazenko Lackovic hatte einen ordentlichen Einstand gefeiert. Der Weltmeister und Olympiasieger aus Kroatien hatte bei seinem zehnminütigen Debüt "nur" zwei Tore erzielt, es aber möglich gemacht, dass Joachim Boldsen und Glenn Solberg während der 60 Minuten einige kurze Verschnaufpausen einlegen konnten. "Und das war heute ungemein wichtig", freute sich Andersson.