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Nach dem Drama um Holger Glandorf sucht die SG fieberhaft nach Ersatz

(sh:z; Jan Wrege) Es ist die 59. Minute des Derbys: Holger Glandorf zieht an den Kielern Patrick Wiencek und Domagoj Duvnjak vorbei, strauchelt und wirft den Ball im Fallen ins Tor – das 25:20. Der THW ist endgültig geschlagen, doch der Linkshänder der SG Flensburg-Handewitt steht nicht auf zum Jubeln. „Wer hat mir ans Bein getreten?“, fragt er den herbeigeeilten  Dr. Torsten Ahnsel   und damit hat der Teamarzt der SG die Diagnose, ohne überhaupt Hand an den Verletzten gelegt zu haben. „Das ist die typische Frage nach einem Achillessehnenriss“, sagt Ahnsel.

Für den 31 Jahre alten Linkshänder ist diese Saison beendet. Wieder ein persönliches Drama für Glandorf, zweieinhalb Jahre nach einer verhängnisvollen Spritze, die in der linken Ferse eine schwere Infektion auslöste. Drei Mal musste der Handballer operiert werden und wochenlang um seine Karriere bangen. Jetzt ist das rechte Bein betroffen. Schon heute wird Glandorf in der Flensburger Diako von Dr. Thorsten Lange operiert. Wenigstens sieht die Prognose gut aus. „Holger ist ein Spielertyp, der das gut wegstecken wird. Er wird uneingeschränkt wieder einsetzbar sein“, sagt Ahnsel. Dabei kommt Glandorf seine Statur entgegen, so der Arzt. „Wenn er ein richtig schwerer Spieler wäre, wäre es problematischer.“

Die Flensburger stürzte die schlimme Nachricht in ein emotionales Wirrwarr. Hier die Freude über den grandiosen Sieg, da das Mitgefühl mit dem unglücklichen Kameraden. „Ich hätte lieber verloren und Holger Glandorf fit für das nächste Jahr gehabt“, sagte Trainer Ljubomir Vranjes. „Da ist ein Freund, der traurig ist und dem es nicht gut geht. Es ist schwer, von ganzem Herzen zufrieden zu sein.“

Für den Champions-League-Sieger bedeutet Glandorfs Ausfall  fast das Aus für alle Titelambitionen in dieser Saison. Er gehört zur raren Elite auf seiner Position, vielleicht noch eine Handvoll Spieler weltweit erreichen sein Format im rechten Rückraum. Glandorf zu ersetzen, ist nahezu unmöglich. „Ich habe eine Liste  mit Namen, aber die haben alle einen Vertrag“, sagte Vranjes am späten Sonnabend.

Gestern früh begann die fieberhafte Suche nach einem Linkshänder. Kandidaten wie Marcin Lijewski und Kim Andersson   sind im Gespräch. Der Pole ist jedoch verletzt, der Schwede ist mit KIF  Kolding-Kopenhagen erfolgreich und könnte der SG international ohnehin nicht helfen. Alle Spieler, die in dieser Saison bereits in der Champions League im Einsatz waren, dürfen nicht mehr für andere Clubs auflaufen, wie  sich SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke gestern von der EHF bestätigen ließ. „Das schränkt unsere Möglichkeiten ein“, sagte Schmäschke. Eine Nachverpflichtung müsse auch sinnvoll sein. „Nur aus Aktionismus heraus etwas zu machen, bringt uns nicht weiter.“

Weil auch der zweite Linkshänder Johan Jakobsson mit einem Muskelfaserriss für die letzten beiden Spiele morgen in Melsungen und am zweiten Weihnachtstag gegen Balingen ausfällt, muss Vranjes improvisieren. Drasko Nenadic, der nach langer Formkrise gegen Kiel überzeugte, bietet sich an: „Wahrscheinlich werden wir unser Spiel umstellen müssen und mit drei Rechtshändern im Rückraum spielen. Mir würde es nichts ausmachen, in den rechten Rückraum auszuweichen. Hauptsache ich kann der Mannschaft helfen.“