Stripes
Stripes
Archiv

SG gewinnt Champions-League gegen THW Kiel

(sh:z; Jan Wrege) Die Sympathien der Mehrheit des Publikums in der Lanxess-Arena gehörten eindeutig den Flensburgern, die 24 Stunden zuvor in einem historischen Halbfinale den Topfavoriten FC Barcelona mit 41:39 nach Siebenmeterwerfen geschlagen hatten. Selbst Fußballstar Carlos Puyol schlug sich auf die Seite der Nordmänner, nachdem zuvor sein Barca-Team gegen Veszprem mit einem 26:25-Erfolg den dritten Platz geholt hatte. „Einmal Flensburg, immer Flensburg“ – in diesen Schlachtruf der SG-Spieler auf dem Podest stimmte bei der Siegerehrung die gesamte Arena ein – bis auf ein trauriges, aber fair applaudierendes Völkchen in Schwarz-weiß.

Die Flensburger Helden gingen diesmal einen komplett anderen Weg als in den vier verlorenen Final-Endspielen im den DHB-Pokal. Statt zu Beginn zu glänzen, konzentrierten sie alle Kräfte auf die zweite Halbzeit. Der THW Kiel kam mit verblüffender Leichtigkeit ins Spiel, abgeklärt und fast fehlerfrei legte der deutsche Meister bis zur 18. Minute eine 12:6-Führung vor. Den Flensburgern unterliefen bis zu diesem Zeitpunkt reihenweise technische Fehler, die mit Kontern bestraft wurden, dazu kamen  acht Fehlwürfe. Alles deutete auf den vierten Sieg der Kieler in der Königsklasse hin.

Doch dann begann schleichend die Wende. „Das Spiel gegen Barcelona war heute wichtig. Wir haben erlebt, dass wir mit Kampf und Willen ein Spiel drehen können – das schweißt zusammen“, sagte Holger Glandorf. Die Flensburger verloren den Glauben nicht, drei Tore zum 9:12 brachten die SG zurück ins Match. Und beim THW zeigten sich die ersten Schwächen. In der 29. Minute mussten Filip Jicha schwer pumpend auf der Bank Platz nehmen, auch andere wurden zunehmend langsamer auf den Beinen.

Gleichzeitig lief Mattias Andersson im SG-Tor warm. Gegen Barcelona hatte der alte Schwede noch eine durchwachsene Leistung gezeigt und hatte in der Schlussphase Sören Rasmussen Platz machen müssen. Doch gestern schwang er sich wieder zu einer absoluten Weltklasse auf und schuf die Basis dafür, dass die Flensburger nach 38 Minuten den ersten Ausgleich (19:19) und damit auch den einzigen Gleichstand in diesem Finale erzielten. Die unmittelbar drauffolgende Führung ließ sich die SG nicht mehr abnehmen. Erzielt wurde das 20:19 durch Linksaußen Anders Eggert nach einem spektakulären Kempa-Trick mit Rechtsaußen Lasse Svan – ein schwerer Wirkungstreffer gegen die „Zebras“. Anderssons Serie phantastischer Paraden gegen aus kurzer Distanz völlig frei werfende Kieler raubte dem Favoriten schließlich den letzten Nerv.

Vor dieser wilden Entschlossenheit knickte der THW ein. „Wir haben nicht die besten Einzelspieler, aber als Mannschaft haben wir am besten funktioniert. Wir haben so viele Finals verloren, wir wollten endlich mal gewinnen“, meinte Spielmacher Thomas Mogensen, der mit vier Toren und acht Assists eine glänzende Leistung geboten hatte. Trainer Ljubomir Vranjes sah die SG am glücklichen „Ende einer langen Reise, die wir mit dem Team hinter uns haben. Es gab gute und schlechte Spiele – dies war eins von den guten.“

Kiels Trainer Alfred Gislason hatte bereits früh die Chancen seiner Mannschaft schwinden sehen: „Wir wussten, dass wir von Minute zu Minute mehr Probleme bekommen, weil wir am Ende unserer Kräfte waren.“ Nach 47 Minuten durften alle, die zu Flensburg hielten, an den Sieg glauben. Die SG führte mit 25:21 und sah vergleichsweise fit aus. Holger Glandorf hatte fünf Tore erzielt und schien von der Kieler Defensive nicht zu halten. Doch Vranjes nahm den Linkshänder wieder heraus und schickte Steffen Weinhold aufs Feld, der mit zwei Fehlwürfen und zwei Fehlversuchen seine Mannschaft beinahe wieder in Not gebracht hätte. Die SG überstand auch diese kritische Phase, ließ Kiel gerade noch auf 28:29 herankommen, doch das war das allerletzte Aufbäumen des Handball-Giganten.

Der Rest war unbändiger Jubel, der schon begann, als das Spiel noch lief. „Ich werde einen Monat lang feiern“, kündigte Kreisläufer Michael Knudsen an. Der Däne ist einer der glücklichen Sportler, die den perfekten Zeitpunkt für den Ausstieg gefunden haben. Knudsens letzter Auftritt im SG-Trikot markiert gleichzeitig seinen größten Erfolg.

Für die Flensburger beginnt nun das große Feiern. Nach der Ankunft um 11.25 Uhr auf dem Hamburger Flughafen geht es heute um 14 Uhr auf den Südermarkt, wo sich die Mannschaft ihren Fans präsentieren wird. „Es ist nichts geplant, dafür wird es umso schöner und spontaner. Wir werden so lange da bleiben, wie es den Leuten gefällt“, sagte Geschäftsführer Dierk Schmäschke. Die Fördestadt kann sich auf eine Riesensause gefasst machen.